Ist das wirklich Thomas? Dieser treuherzige, aber so oft missmutige und zynische Mensch, dem ich täglich in der Cafeteria begegne? Seit einiger Zeit sieht er den anderen in die Augen, er wirkt richtig freundlich, sein Humor ist sogar sehr gut, irgendwie nicht verletzend und optimistisch. Seit er mit Sarah zusammen ist. Die übrigens in letzter Zeit sehr viel ruhiger ist. Nicht mehr so unangenehm ausgeflippt. Hm, gibt es da einen Zusammenhang?

Möglicherweise. In einem Gedankenexperiment könnte man sich Sarah und Thomas als Bildhauer vorstellen, die langsam, aber stetig einen Marmorblock bearbeiten, bis die wunderschöne Skulptur zum Vorschein kommt, die tief dort drin schlummert. Ein kürzlich veröffentlichter Artikel über das ‘Michelangelo-Phänomen’ gibt vielen Menschen wieder Anlass zur Hoffnung, ihren Partner doch noch ein Stück weit zum Besten verändern zu können: Wenn beide Partner nämlich das Idealbild vom jeweils anderen fördern, dann entwickeln sich nicht nur die beteiligten Menschen selbst, sondern auch das, was beide verbindet: Partnerschaft und Liebe. Die ‘Bildhauerei’ passiert dabei weitgehend unbewusst.

Allerdings hat nicht jeder Mensch das gleiche Talent zur Bildhauerei. Voraussetzung ist, dass man sich in den Partner einfühlen kann und erfolgreich seine Träume und Wünsche, eben das Ideal-Selbstbild, das er/sie von sich hat, erkennt. Um dann im zweiten Schritt ihn/sie langsam hinsichtlich seiner/ihrer Wünsche zu fördern. Wie gesagt: Die Förderung muss gar nicht bewusst passieren. Hauptsache, man kennt und akzeptiert das Ideal-Selbstbild des Partners. Hat man sich mit diesem angefreundet, fördert man es oft ‘wie von selbst’.

Und auch nicht jeder ‘Marmorblock’ eignet sich gleich gut zur Bildhauerei. Es ist selbstverständlich schwierig, die Träume eines Partners fördern zu wollen, der relativ verschlossen ist und nur selten über die Dinge spricht, die er erreichen oder verbessern will. So paradox das klingen mag: Hier sind oft genau die Zeiten hilfreich, wenn es dem schweigsamen Partner sichtlich schlecht geht. Auch wenn Sie auf die Frage ‘Was ist denn los mit dir’ mit großer Wahrscheinlichkeit zunächst so etwas zurück bekommen wie: ‘Garnichts. Was soll schon sein?’ Geben Sie nicht zu früh auf. Fragen Sie zum Beispiel: ‘Wenn du jetzt irgendetwas an deinem Leben ändern könntest, was würde das sein?’ oder: ‘Was kann ICH tun, damit du nicht mehr so unglücklich rumsitzt? Und was kannst DU tun?’

Die einzige Voraussetzung, die der Michelangelo-Effekt zur Entfaltung braucht ist also eine gelungene Kommunikation. Der Rest geschieht fast von selbst.


gepostet i.A. von Dr. Stephan Lermer
Quelle: Northwestern University / Eurekalert. The Michelangelo Phenomenon. Current Directions in Psychological Science, December 2009

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