Meine Einkaufsliste: ‚Mehl, Toast, Butter, WC-Reiniger, Frischhaltefolie, Kerzen, Sekt. Was noch? Äh…hm… Irgend etwas wollte ich doch noch aufschreiben!? Also nochmal: Mehl, Toast, Butter, WC-Reiniger, Frischhaltefolie, Kerzen, Sekt. Hm. Naja, fällt mir schon wieder ein.‘

Kennen Sie das? Geben Sie es zu.
Die obigen Zeilen sind ein Beispiel für einen Gedächtniseffekt, der bei allen Menschen existiert. Forscher sprechen dabei von „Part-List-Cuing“ (‚PLC‘) und meinen damit das Phänomen, dass zuvor gelernte Informationen nicht mehr aus dem Gedächtnis abgerufen werden können, sobald viele ähnliche Informationen vorhanden sind.

Ein Beispiel aus dem Büroalltag: ‚Meier anrufen wegen Kommission Wagner, Frau Schulz und Herrn Müller briefen wegen des Meetings um 12, Besprechungstermin mit Tanja um 4, Handwerker kontaktieren wegen der Küche, Tommy heute abend schon um 6 Uhr zum Sport bringen und…‘ ja, da war noch etwas. Fällt einem bestimmt auf dem Rückweg ein – eventuell erst, wenn es zu spät ist.

Warum fallen uns wichtige Dinge gerade jetzt nicht ein, obwohl uns ganz ähnliche Informationen bereits vorliegen? Warum vergessen wir beim Betrachten unserer Einkaufsliste manche der Dinge, die wir uns noch aufschreiben wollten, obwohl wir doch ganz ähnliche Dinge bereits aufgeschrieben haben und uns diese Dinge doch eigentlich helfen sollten, die anderen zu erinnern?

Fest steht: gerade weil sie dort stehen, wirken sie sich negativ auf unsere Erinnerung aus! Wodurch dieser seltsame Effekt zustande kommt ist bis heute nicht geklärt. Vieles spricht aber dafür, dass beim Abruf vieler ähnlicher Informationen (das heißt: beim Erkennen oder auch beim Erinnern) die eigentlich gesuchten Erinnerungen aktiv gehemmt werden.

Warum um alles in der Welt? Es wäre doch definitiv vorteilhafter, wenn wir immer alles ‚parat‘ hätten und uns ohne nachzudenken erinnern könnten. Allein: Die bewusste menschliche Informationsverarbeitungskapazität ist begrenzt (siehe unseren Blog-Beitrag vom 19.März, incl. Video zum Selbsttest!). Wir können uns nicht auf beliebig viele Dinge gleichzeitig konzentrieren.

Sehen wir also unsere Einkaufsliste oder den Terminkalender durch, so verarbeiten wir in diesem Moment bewusst die Informationen, die wir eben gerade anschauen. Für die eigentlich relevanten Dinge ist damit ‚kein Platz‘. Auf Grund ihrer Ähnlichkeit ‚drängen‘ sie allerdings gewissermaßen zur bewussten Verarbeitung. Die paradoxe Folge: Sie werden aus dem momentan bewussten Teil des Gedächtnisses gelöscht und ihre Repräsentation im Gedächtnis wird abgeschwächt. Zumindest zeitweise, was auch der Grund dafür ist, dass uns die wichtigen Dinge später wieder einfallen.

Die Lösung des Part-List-Cuing-Problems sind Gedächtnisstrategien, die im Prinzip jeder anwenden kann. Verbinden wir neue Informationen schon beim Einprägen stark mit den bereits vorhandenen Infos – zum Beispiel durch bildhafte Vorstellung – werden diese Informationen in unserem Gedächtnis als Einheit repräsentiert und können vollständig wieder abgerufen werden.

Auch die berühmte LOCI-Methode kann helfen, sich Informationen im Verbund vorzustellen und mit bereits bestehendem Wissen zu integrieren. Eine Kurzanleitung zur LOCI-Technik finden Sie hier (Wikipedia)

Das Wichtigste zum Schluss: Forscher sprechen von ‚funktionierendem Part-List-Cuing‘ und werten das Phänomen als Indikator für ein gesundes Gedächtnis. Der Sinn des PLC ist vermutlich, dass wir uns ohne Ablenkung auf die vorliegenden Informationen konzentrieren können.

Allerdings ist es für uns alle von Vorteil, wenn wir unser gesundes Gedächtnis von Zeit zu Zeit überlisten.

gepostet i.A. von Dr. Stephan Lermer

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