Interview mit Dr. Stephan Lermer im Münchner Merkur vom
07./08.10.2006



„Mach die Zahnpastatube richtig zu!“
„Du
verstehst mich nicht!“ „Typisch Mann!“
„Musst du denn so viel Fernsehen!“ – Im
Laufe einer Beziehung sammeln sich viele
Vorwürfe und Missverständnisse an. Wie
man aus Krisen wieder heraus findet und
wie sie sich vermeiden lassen- darüber
sprachen wir mit dem Diplom-
Psychologen Dr. Stephan Lermer.
Wäre es nicht schlauer, sich gar
nicht erst auf eine Partnerschaft
einzulassen? Man hätte weniger
Probleme.
Dr. Lermer: Wenn wir rein rationale
Wesen wären und wie Buchhalter
vorgehen würden, dann müssten wir nach
einigen gescheiterten Beziehungen sagen,
es ist das falsche Konzept, lassen wir´s.
Aber?
Dr. Lermer: Die Menschen leben von der
Hoffnung. Außerdem haben wir die Gnade
der positiven Erinnerung. Im Rückblick
löschen wir das Negative häufiger als das
Positive. Durch das Scheitern sind wir ja
auch gereift und beziehungsfähiger. Die
Forschung sagt, dass die zweiten Ehen
meist besser funktionieren.
Es klappt aber selten genau so, wie
wir´s uns vorstellen.
Dr. Lermer: Warum überhaupt mit großen
Erwartungen an eine Beziehung
rangehen? Lassen Sie uns Partnerschaft
wie eine Reise betrachten. Wenn wir in
den Urlaub fahren, haben wir zwar eine
gewisse Erwartung, sind aber flexibel, uns
anzupassen, wenn etwa das Wetter
schlecht ist. Auch in der Liebe, deren
Entwicklung unvorhersehbar ist, ist

Improvisationstalent gefragt.

Wann sollen die Alarmglocken
läuten?
Dr. Lermer: Wenn einer von beiden häufig
die Augen nach oben rollt, während der
andere spricht. Dann ist die Scheidung oft
nicht weit. Dieses Verhalten signalisiert,
dass der Respekt verloren gegangen ist.
Dass sich tiefe Missverständnisse in die
Beziehung eingegraben haben.
Wie vermeidet man die?
Dr. Lermer: Immer im Gespräch bleiben.
Es ist egal, was Sie sagen, entscheidend
ist, wie der andere es versteht. Das kann
man etwa feststellen, indem man nach
einem Kinobesuch miteinander über den
Film spricht. Beide haben dasselbe
gesehen, dasselbe gehört und doch hat
jeder seine eigene Wahrnehmung gehabt.
Jeder ist ein Exot. Wer das weiß, wird
nicht mehr darauf bestehen, dass der
andere es falsch sieht, sondern dessen
Position akzeptieren.
Bei allem Verständnis, so ganz
ohne Streit geht es in den
seltensten Fällen.
Dr. Lermer: Das sollte es auch nicht. Wer
streitet, zeigt, dass er Interesse hat. Wenn
der andere mir egal ist, dann streite ich
nicht mehr mit ihm.
Wer sich also für die Liebe
entscheidet ……
Dr. Lermer: ….der entscheidet sich
zwischen zwei Möglichkeiten: Will er Recht
haben oder glücklich sein? Viele werden
feststellen, dass sie mit dem Recht haben
wollen schon viel Zeit vergeudet haben –
die man für die Liebe hätte nutzen können.
Das Interview führte Sylvie-Sophie
Schindler

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