Was meinen Psychologen, wenn sie von den ‚Big Five‘ der Persönlichkeit sprechen?

Wissenschaftliche Psychologen und Praktiker versuchen, das Verhalten von Menschen zu erklären und vorherzusagen. Zum Beispiel wollen Personalverantwortliche wissen, wie gut sich ein bestimmter Bewerber machen wird und wie man ihn so einsetzt, dass er die beste Leistung erbringt. Klinische Psychologen wollen die Ursachen für Verhaltensstörungen erklären, damit sie sie beseitigen können. Forensische Psychologen müssen klären, ob ein Straftäter deviantes Verhalten in Zukunft wiederholt zeigen wird.

Alle diese Entscheidungen werden unter einer gewissen Unsicherheit getroffen, denn menschliches Verhalten ist von sehr vielen Faktoren abhängig, die niemals alle in einer Untersuchungssituation erfasst werden können. Außerdem ändern sich manche der Faktoren, wie die aktuelle Motivation oder der Gesundheitszustand sehr rasch.

Die psychologische Forschung hat sich deshalb sehr früh mit solchen verhaltenswirksamen Faktoren beschäftigt, die über die Zeit relativ stabil bleiben: Den Merkmalen und Ausprägungen unserer Persönlichkeit. Sie sind genetisch festgelegt und/oder (je nach psychologischer Anschauung)) in Kindheit und Jugend gelernt.

Unsere Persönlichkeitseigenschaften sind uns eigentlich nicht bewusst. Wie verschafft man sich dennoch einen Zugang zur Persönlichkeit des Menschen? Meist durch wissenschaftliche psychologische Tests und Fragebögen, in denen die Teilnehmer selbst Angaben zu ihrem Erleben und Verhalten in verschiedenen Situationen machen können und die nach wissenschaftlichen Kriterien objektiv ausgewertet werden.

Ziel der Auswertung ist es dabei, jedem teilnehmenden Menschen ein indiviuelles Persönlichkeitsprofil zuzuweisen – um ‚Schubladendenken‘ zu vermeiden und die Persönlichkeit zum Beispiel auf ein bestimmtes Merkmal zu reduzieren – wie wir es im Alltag oft machen: ‚Der ist dumm.‘ Oder: ‚Sie ist ein ordentlicher Mensch.‘

Persönlichkeitsfragebögen bestehen oft aus vielen Fragen. In der persönlichkeitspsychologischen Forschung hat sich gezeigt, dass man diese Fragen zur Beschreibung der Persönlichkeit ohne großen Informationsverlust auf wenige Faktoren zusammenfassen kann. Mit Hilfe statistischer Verfahren wie Cluster- oder Faktorenanalysen kann man diese ‚Persönlichkeitsdimensionen‘ extrahieren.

Dabei zeigte sich schließlich bei vielen Fragebögen, dass für eine relativ umfassende Beschreibung der Persönlichkeit fünf globale Faktoren übrig bleiben, nämlich:

  1. Offenheit für neue Erfahrungen und Menschen, Kreativität
  2. Verträglichkeit im Umgang mit anderen
  3. Extraversion: Kommunikation und Interaktion mit anderen
  4. Gewissenhaftigkeit: (Selbst-)Organisation und Verantwortlichkeit
  5. Emotionale Stabilität (Gegenteil: Neurotizismus)

Vorausgesetzt der Fragebogen genügt wissenschaftlichen Kriterien und die Teilnehmer sind ehrlich, kann nun für jeden Teilnehmer die Ausprägung auf jeder dieser Big5 Dimensionen bestimmt werden. Letztendlich nichts anderes als kompliziert berechnete Punktwerte.

Wichtig ist, dass die Persönlichkeit nicht allein durch das Ausfüllen eines Fragebogens bestimmt werden kann – Wie es Autoren mancher nichtwissenschaftlicher Fragebögen behaupten: „Wer bin ich? In 5 Minuten wissen Sie alles über Ihre Persönlichkeit!“. Erfahrene Psychologen suchen deshalb immer zusätzlich das Gespräch, ergründen die Biografie ihres Klienten/Patienten oder ziehen Ergebnisse aus Leistungstests hinzu.

gepostet i,.A. von Dr. Stephan Lermer

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